Linux (not on my) Desktop

Ich verkaufe meinen Laptop. Das war mein letzter aktiv genutzter Linux-Computer zu Hause. Mein Desktop-PC wanderte Anfang des Jahres zu meiner Mutter und ich kaufte mir einen iMac. Seitdem lag der Laptop auch eigentlich nur noch im Regal rum. Und das hatte einen guten Grund:

Ich habe keine Lust mehr.

Für’s Studium verkaufte ich damals mein MacBook und legte mir zum Basteln und Entwickeln PC und Laptop zu. Das war damals eine sehr gute Entscheidung und ich hatte während des Studiums viel Vergnügen damit und habe sicher auch einiges gelernt. In manchen Vorlesungen hatte man auch gut Zeit, sich um gebrochene Updates und das Patchen des Kernels zu kümmern. Jetzt ist dem leider nicht mehr so. Im Nachhinein betrachtet sieht das Verhältnis zwischen dem was ich für die Geräte gemacht habe und dem was ich mit den Geräten gemacht habe sicherlich nicht sonderlich gut aus. Das kann und möchte ich mir im Moment nicht mehr leisten. Mein primärer Computer muss immer ins Internet kommen, Video und Audio abspielen und einige andere Dinge tun. Dafür möchte ich keine Zeit investieren müssen. Gar keine.

Miguel de Icaza fasst das in seinem Blogpost über den Linux-Desktop eigentlich sehr treffend zusammen:

Others found that messing around with their audio card every six months to play music and the hardships of watching video on Linux were not worth that much.

Ich weiß noch, wie ich mich mit Audio über HDMI und den ATI-Treibern rumgeärgert habe und mindestens einmal im Jahr die Systeme neu aufsetzte, weil irgendwas irgendwie broken war. Einen großen Teil an der Unzufriedenheit trägt auch X11, das sehr treffend in einem XKCD zusammengefasst wurde:Zugegebenermaßen ist es schon mehr als ein halbes Jahr her, dass ich eine solche Datei angefasst habe aber nichtsdestotrotz stößt man ständig auf inakzeptables Verhalten was Audio und Video angeht. Ich finde es beispielsweise nicht hinnehmbar, dass ein Videoplayer trotz aktueller Hardware mehr als 20% CPU-Zeit verbraucht und ich möchte dafür nicht erst das beste von 37 Ausgabe-Plugins auswählen müssen und Tuning an der xorg.conf betreiben. Selbst mein Telefon schafft es außerdem, schicke Animationen mit 60Hz zu rändern, ein aktueller Gnome-Desktop ruckelt auch mit ordentlicher Hardware vor sich hin. Wenn man einmal die Sonne gesehen hat möchte man nicht mehr zurück und bei schlechter Animationsperformance fängt mein Augenlid direkt an zu zucken. Bei Android und damit Linux auf dem Telefon fängt man jetzt immerhin langsam damit an, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Wann das dann mal bei 50% der User ankommt bleibt allerdings noch abzuwarten.

Einen Layer weiter oben gehen die Probleme mit den verschiedenen Desktop-Systemen weiter. Wo man sich früher (zumindest gefühlt) noch zwischen KDE und Gnome entschied ist heute die Anzahl der Systeme wahnsinnig gestiegen, da an vielen Stellen Entscheidungen getroffen wurden, die nicht allen Nutzern gefallen haben. Die große Chance von freier Software kann hier auch gleichzeitig die Crux sein. Man hat die Qual der Wahl zwischen vielen verschiedenen Alternativen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Nehme ich lieber Variante A, oder Variante B oder vielleicht den Fork vom Fork vom Fork von Variante A, der leider gerade noch nicht richtig funktioniert aber sicherlich viel Potential hat? Allein die Anzahl der Diskussionen über dieses Thema zeigt schon, dass hier einige Probleme liegen und eine wirklich zufriedenstellende Lösung, die mindestens 95% der Probleme sinnvoll angeht, nicht in Sicht ist. Ich selbst bin da ja auf der Seite von Gnome 3, die viele alte Zöpfe abzuschneiden und Dinge zu vereinfachen. Dann gibt es da noch einige Menschen um Lennart Poettering, die versuchen, auf allen Layern vom Kernel bis zum Desktop solche Vereinfachungen voranzutreiben und die verschiedenen Distributionen für die Softwareentwicklung besser handlebar zu machen. All das geht in die richtige Richtung, aber ich glaube nicht, dass damit in absehbarer Zeit der Rückstand was Desktop-Usability angeht eingeholt werden kann.

Damit möchte ich übrigens nicht Linux an sich schlecht reden. Ich glaube, dass es ein tolles Betriebssystem mit vielen Stärken ist. Es eignet sich hervorragend für die Entwicklungsrechner, für Serversysteme und für den Embedded-Bereich aber eben nicht für den Alltags-Desktop. Zumindest für mich.