Christian Dark Ages

Ich fand dieses Bild im Internet und es machte mich sehr nachdenklich. Zunächst mal glaube ich nicht, dass es eine sinnvolle Möglichkeit gibt, den wissenschaftlichen Fortschritt zu messen. Die Grafik darf also sicher nicht quantitativ sondern nur qualitativ betrachtet werden, aber so ist sie sicher auch gemeint. Ich glaube auch, dass sich das Wissen exponentiell vermehrt (Dass es hier über linearen Abschnitte dargestellt ist dient sicher nur der Übersichtlichkeit). Außerdem bin ich ebenfalls sehr sicher, dass die Kirche gerade im Mittelalter massiv die Wissenschaft behindert hat. Ob sich in dieser Zeit überhaupt kein Wissen gebildet hat sei mal dahin gestellt. Die eigentliche These, die die Grafik aufstellt, ist aber, dass wir bereits heute ein wahnsinnig großes Wissen haben könnten, wenn es nicht zu dieser Unterdrückung gekommen wäre. Ich fand das Bild versehen mit dem Satz:

Just think, we could have been exploring the galaxy by now.

Dann ging ich auf die Suche und fand den Artikel, aus dem das Bild stammt. Der ist ziemlich lang und führt viele Punkte an, die diese These unterstützen.

Science comes not from ideology or religion; it derives from natural human curiosity and the will to know, not the will to believe.

Jetzt dachte ich, dass das ja größtenteils die Katholische Kirche ist, die das damals verzapft hat und die Evangelische Kirche ja zumindest offener daher kommt. Es stellt sich jedoch heraus, dass das scheinbar auch nicht der Fall ist:

Protestantism, from its very beginning, abhorred scientific reasoning. Martin Luther, its founder, condemned using reason and taught that faith alone should fill the minds of Christians.

Vielmehr wird in dem Artikel behauptet, dass die Wissenschaft später wieder freier forschen konnte, weil die beiden Kirchen sich gegenseitig bekriegt haben und die Wissenschaft so wieder mehr ihre Ruhe hatte.

Die Frage, die sich mir daraus stellt ist, inwieweit sich die Evangelische Kirche (der ich ja nun mal angehöre) von diesem Vorgehen distanziert oder ob es womöglich die verbreitete Meinung ist, dass das für “damalige Verhältnisse” schon ok war. Außerdem wird ja auch heute beispielsweise im Namen der Evangelischen Kirche die Evolution geleugnet. Auf katholischer Seite kann man sicherlich auch nicht von einer Öffnung sprechen, wenn der aktuelle Papst sich bereits 1990 (und dessen Vergreisung kann zum heutigen Zeitpunkt nur weiter fortgeschritten sein) dazu verleiten lässt, Sätze wie “Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht […]” zu zitieren.

Die Frage, die man sich stellen sollte, ist, ob unser jetziges Verhalten nicht auch in ein paar hundert Jahren ebenso gewertet werden kann. Ich persönlich bin deutlich gegen Atomkraft sowie Gentechnik (mindestens im zivilen und militärischen Einsatz) und ich unterstütze auch die Positionen der Kirche dagegen. Schwierig wird es aber, wenn dadurch Forschung verhindert wird. Da bekomme ich mit dieser Grafik im Hinterkopf Bauchschmerzen, auch wenn das Herz eigentlich sagt, dass Forschung auf diesem Gebiet gefährlich ist.

Gegen wie viel darf man unter diesen Gesichtspunkten eigentlich sein? Kann ich den aktuellen ethischen Konsens überhaupt mittragen, wenn ich nicht in 100 Jahren als konservativer Idiot da stehen will? Jemand eine Idee oder Anmerkung?

Hier sind noch zwei schöne Videos, die mir in den letzten Wochen über den Weg gelaufen sind und die ich zu dem Thema ziemlich passend finde: